Wieso Angst wichtig für uns ist

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich eines Abends mit 10 Jahren im Bett gelegen bin. Meine Mutter ist bei mir gesessen und wir haben über Angst geredet. Ich habe ihr gesagt, dass ich mich schon drauf freue, wenn ich elf bin. Weil ich dann vielleicht keine Angst mehr haben werde. Daraufhin hat sie mir eröffnet, dass sie auch manchmal Angst hat, und dass das ganz normal ist. Das war vielleicht ein Schock für mich… Dass Erwachsene auch Angst haben! Und ich hatte geglaubt, damit ist man irgendwann fertig.

Macht Angst frei?

Ich kann mich auch an etwas erinnern, das meine Schwester fast 20 Jahre später zu mir gesagt hat. “Wenn alle Ängste eingetroffen sind, dann ist man doch vielleicht ganz frei.” Ich wollte das nicht verstehen oder mich mit diesem Gedanken anfreunden. Zu der Zeit war mein Vater gerade schwer krebskrank. Am Anfang ist die Entscheidung zwischen Amputation und Chemo im Raum gestanden. Was für eine Wahl… Die Angst war in diesen Wochen und Monaten so greifbar wie sonst nie in meinem Leben. So, als wären alle meine Ängste plötzlich real geworden. Unausweichlich.

Ich weiß noch, dass kurz der Impuls da war, diesen immensen Schmerz betäuben zu wollen. Mich auf irgendeine Art auszuklinken und das Leid nicht miterleben zu müssen. Die Krebsdiagnose war für uns alle ganz unerwartet gewesen. Wir waren als Familie im Schock, und mir war von Anfang an bewusst, wenn ich mich jetzt nicht um mich kümmere, werde ich an diesem Schmerz zerbrechen. Also habe ich begonnen, laufen zu gehen. Kurz darauf auch Bikram Yoga. Ich habe mich voll in die Bewegung gestürzt, ins Körper-Spüren. Eigentlich war ich grade in den Endzügen der Masterarbeit, also völlig unkörperlich und nur geistig beschäftigt. Mich zu bewegen hat gut getan. Es hat mir gezeigt, dass mein eigener Körper noch da ist und ich viel mit ihm machen kann. Dass ich das ausnützen sollte. Dass das Leben jetzt passiert und nicht in der Zukunft. Weil der Tod ganz nah sein kann, ohne dass wir es ahnen.

Sich mit der Angst anfreunden

Zu der Zeit habe ich auch die Grinberg Methode zum ersten Mal ausprobiert. Da hat sich bei mir im Kopf einiges sortiert. Warum es mir als Kind wenig gebracht hat, zu visualisieren, wie meine Angst weniger wird. Weil die Angst im Körper da ist, unser ganzes Leben lang. Wenn nicht, dann würden wir nicht überleben. Ich habe zum ersten Mal gecheckt und gespürt, dass Angst uns Energie gibt. Dass Angst unseren Kopf klar und frei macht. Uns Entscheidungen erleichtert. Dass das Erlauben von Angst es ermöglicht, nicht in Horrorszenarien steckenzubleiben. Auch wenn ich gerade die größten Herzschmerzen meines Lebens durchmache. Dass Angst mir hilft, mein Leben voll zu leben und das zu tun, was ich gut kann und liebe.

Warum also diese Angst vor der Angst?

Wenn wir von Angst reden, meinen wir meistens etwas, das uns einschränkt.

Wir wollen die Angst nicht. Wir sollen und wollen sie überwinden, dann erreichen wir etwas und kommen weiter! Das ist aber ein bisschen missverständlich, denn Angst ist etwas Lebensnotwendiges. Angst ist die Kraft im Körper, die uns vor Gefahr warnt. Dieses Gefühl, das mir sagt: der ist mir suspekt, mit dem geh ich lieber nicht mit. Das ist zu hoch, da spring ich lieber nicht runter. Das tut mir nicht gut, das mach ich jetzt lieber nicht. Angst ist die Kraft, die uns erinnert: irgendwann ist unsere Zeit vorbei.Wenn etwas unser Leben oder unser Wohlbefinden bedroht, spüren wir das. Auch wenn wir es vielleicht nicht merken. Der Körper spürt es und unser Herz schlägt schneller, Adrenalin wird ausgeschüttet, wir beginnen vielleicht zu schwitzen. Der Körper versucht uns ins Hier und Jetzt zu bringen, damit wir gut reagieren können. Gut, das heißt so, dass wir überleben bzw. heil bleiben.

Angst zu erlauben macht uns frei. Es sind unsere Reaktionen, die uns einschränken.

Wenn wir von Angst als etwas Negativem reden, dann meinen wir eigentlich unsere Reaktion auf diese Kraft in uns. Wenn wir anspannen, um nicht zu spüren, dass unser Körper gerade widerspricht. Dann lähmt uns unsere Reaktion auf Angst, nicht die Angst selber. Genau diese Reaktionen kennenzulernen, ist ein ganz spannender Weg. Es gibt unzählige Dinge, die uns Angst machen können oder uns stressen. Und wir können auf ganz unterschiedliche Arten reagieren. Zum Beispiel, indem wir so tun, als wäre nichts. Oder indem wir uns ganz dem Kopfkino hingeben, und immer mehr Angst kriegen. Indem wir voll ins Drama gehen und viel jammern und ganz arm sind. Oder indem wir uns pushen und ganz hart sein wollen.

Good news: Angst zu erlauben ist erlernbar!

Die gute Nachricht: wenn wir uns unserer Verhaltensmuster bewusst sind, können wir sie auch ändern. Wir können lernen, automatische Muster zu stoppen, und dadurch freier reagieren. Beobachte mal an dir selbst, wie du in stressigen Situationen drauf bist.

  • Merkst du, ob du im Körper irgendwo anspannst?

  • Wie ist deine Atmung?

  • Was denkst und fühlst du?

  • Nimm wahr, was dir alles auffällt, möglichst ohne es zu bewerten!

Das sind die ersten Schritte. Sobald die Aufmerksamkeit für etwas da ist, ist auch Veränderung möglich!

2020-12-20T23:40:08+01:00Dezember 20th, 2020|Allgemein|0 Kommentare
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